Tintling-Tinte

Ein wenig gruselig sieht es schon aus, wenn der weiße Pilze zu einer schwarzen Masse zerfließt. Dass man daraus Tinte machen kann, verrät bereits der Name des Schopf-Tintling genannten Verwandlungskünstlers.

Der Schopf-Tintling (Coprinus comatus) ist fast in ganz Europa verbreitet. Er ist nicht nur auf Wiesen und an Waldrändern zu finden, sondern fühlt sich auch in der Stadt, in Gärten und Parks ausgesprochen wohl. Über Nacht schießen manchmal ganze Kolonien der schlanken, weißen Pilze aus dem Boden. Fast genauso schnell wie sie gekommen sind, sind sie dann auch wieder weg. Binnen weniger Tage verwandelt sich die ganze Pracht in einer dahinschwindende, schwarzen Masse.

Der Schopf-Tintling gehört zur Pilzart der Champignonverwandten. Es ist in jungem Zustand essbar, sein Geruch und Geschmack sind dem von Champignons ähnlich, eher etwas intensiver. Junge Exemplare haben einen ei- bis walzenförmigen Hut, der sich später glockenförmig öffnet. Die Huthaut ist anfangs relativ glatt, wird dann zunehmen schuppig und färbt sich am unteren Hutrand erst rosa, dann bräunlich und anschließend schwarz. Von unten nach oben löst sich der Hut anschließend nach und nach in einer schwarzen, zähfließenden Masse auf. Die Stiele des Tintlings bleiben bis zum Schluss stabil und weiß und erinnern an Spargelstangen. Das hat dem Pilz auch den Namen „Spargelpilz“ eingebracht.

Die Verwandlung des Pilzes ist nicht auf einen Fäulnisprozess durch Mikroorganismen zurückzuführen, auch wenn diese Assoziation aufgrund des Erscheinungsbildes naheliegt. Diese eher seltene Eigenschaft wird durch Enzyme ausgelöst und dient dem Schopf-Tintling bei der Verteilung der Sporen, die mit der tintenartigen Flüssigkeit ins Erdreich gelangen und dort für die Weiterverbreitung des Pilzes sorgen. 

Die Tinte des Schopf-Tintlings ist eine besonders einfach herzustellende Tinte, weshalb sie früher auch relativ häufig genutzt wurde. Sie entsteht durch die enzymatische Selbstauflösung des „Tintenpilzes“ und kann direkt genutzt werden. Dafür werden junge oder auch ältere Schopf-Tintlinge einfach in eine Schale gelegt, bis sie vollständig zerflossen sind. Das dauert je nach Ausgangs-Zustand und Außen-Temperatur ein paar Stunden oder ein paar Tage.

Um mit der Tinte zu schreiben, genügt ein angespitzter Strohhalm, Schilfrohr oder Ähnliches. Besser geht es aber meist mit einer Schreibfeder aus Metall, die in die Tinte getaucht wird.

Mit der Tintling-Tinte kann man nicht nur schreiben, sondern auch zeichnen. Die Farbe der Tinte ist fast schwarz, eher dunkelgrau mit einer braunen Nuance Der zerflossene Pilz riecht intensiv nach Champignon – am Anfang zumindest. Will man die Tinte haltbar machen, gibt man ein paar Tropfen Nelkenöl dazu (alternativ ein paar Gewürznelken und ein wenig Salz) und bewahrt die Tinte in einem gut verschließbaren Glas im Kühlschrank auf.

Die schwarze Flüssigkeit ist nicht giftig, auch wenn diese Vermutung aufgrund der Farbe und Konsistenz naheliegt. Beim Verzehr von Pilzen ist  jedoch besondere Sorgfalt zwingend erforderlich. Manche Tintlings-Arten stehen im Verdacht, im Zusammenhang mit Alkohol giftig zu sein. In diesem Beitrag geht es deshalb ausdrücklich nur um die Verwendung des Tintlings als Schreibmittel, nicht als Lebensmittel. 

Andere charaktervolle Schreib- und Zeichentinten lassen sich zum Beispiel aus Eichengallen, Kohle und Walnuss-Hüllen herstellen.

Wichtiger Hinweis: Wildpflanzen dürfen nur als Lebensmittel verwendet werden, wenn sie 100%ig sicher bestimmt werden können! Für die sichere Erkennung unbedingt zuverlässige Bestimmungsbücher zu Rate ziehen und an Wildpflanzen-Führungen und -Schulungen teilnehmen. Die Verwechslung mit giftigen Doppelgängern muss ausgeschlossen werden können! Auch für die äußerliche Anwendung ist eine absolut sichere Bestimmung Voraussetzung. Selbst für Dekorationszwecke, insbesondere für Tischdekoration sollten nur ungiftige Wildpflanzen verwendet werden.