Erlebte Geschichte – Frühmittelalter-Markt in Diersfordt 2018

Viele Menschen denken bei „Geschichte“ an ein eher langweiliges Schulfach, zu dem ein Buch mit viel Text und wenig attraktiven Bildern gehört. Was sich hinter der eigentlichen „Geschichte“ verbirgt, bleibt auf diese Weise meist ausgesprochen abstrakt.

Natürlich gibt es zwischenzeitlich nicht nur verstaubte Lehrwerke, sondern auch viele sehr gute Filme über historische Ereignisse und Epochen. Damit wird das Bild, das wir uns von früheren Zeiten machen können, schon etwas lebendiger. Und natürlich kann man auch als Besucher diverse Historische Spektakel und Mittelalter-Märkte besuchen.  Besonders spannend und eindrucksvoll wird Geschichte aber vor allem dann, wenn man sie selbst erleben kann.

Dazu gibt es inzwischen immer mehr Möglichkeiten. Der Frühmittelalter-Markt in Diersfordt, der jedes Jahr Anfang September stattfindet, ist eine davon. Für ein Wochenende entsteht dort ein großes Lager, in dem viele Menschen, oft einschließlich Kindern und Tieren, so zusammen leben, wie es im frühen Mittelalter gewesen sein könnte. Das heißt, sie tragen Kleidung, deren Schnitte und Materialen sich an Funden oder Überlieferungen orientieren, sie schlafen in Zelten, kochen auf offenem Feuer und essen das, was unseren Vorfahren in der Mitte Europas an Nahrungsmitteln zur Verfügung gestanden hat (zum Beispiel keine Kartoffeln, keine Tomaten und natürlich auch keine Fertigprodukte). Das ist dann Geschichte, die man selbst erleben kann.

Viele der Menschen, die sich in einer solchen mittelalterlichen Siedlung zusammen finden, üben ein altes Handwerk aus. Dabei bearbeiten sie Materialen, die man früher kannte, mit überwiegend historischen Werkzeugen. Ohne Strom, ohne moderne Technik.

Aus Holz werden Gegenstände des täglichen Gebrauchs geschnitzt oder gedrechselt
Aus Baumrinde werden Körbe und Dosen hergestellt
Mit Ton wird vor allem Koch- und Essgeschirr getöpfert
Aus Eisen werden Werkzeug, Baumaterial (z.B. Nägel) und Waffen geschmiedet
Aus Knochen werden Kämme, Griffe und Schmuck geschnitzt
Aus Wolle und pflanzlichen Fasern wird Garn gesponnen
Aus Garn wird Stoff oder Band gewebt
Stoff und Garn werden mit natürlichen, meist pflanzlichen Farben gefärbt
Aus Weiden und anderen pflanzlichen Materialen werden Körbe geflochten
Aus Silber, Bronze und Messing wird Schmuck hergestellt
Wildpflanzen werden gesammelt und für Nahrungs- oder Heilzwecke haltbar gemacht.

Das Ausüben eines traditionellen Handwerks unter historisch korrekten Bedingungen geht in die Richtung experimenteller Archäologie. In großen Projekten, wie zum Beispiel dem Bau der Burg von Guerdelon in Frankreich und der karolingischen Klosterstadt Messkirch (Campus Galli) in der Nähe des Bodensees, werden die Erfahrungen bei der Umsetzung von traditionellen Handwerks-Methoden mit authentischen Rahmenbedingungen inzwischen durch Universitäten wissenschaftlich begleitet. Damit kommt manches, was in der Theorie diskutiert wurde, auf den Prüfstand der praktischen Umsetzbarkeit.

Aber auch für die „einfachen“ Handwerkerinnen und Handwerker außerhalb der wissenschaftlichen Projekte ist die Erfahrung ausgesprochen wertvoll. In unserer globalisierten und konsumorientierten Welt haben wir fast alles fast jederzeit zur Verfügung, können online kaufen und uns die Ware bis ins Hause bringen lassen. Das ist zwar praktisch, aber es führt auch dazu, dass der Konsument im besten Falle eine sehr abstrakte Vorstellung davon hat, wie, wo und unter welchen Bedingungen das erworbene Produkt hergestellt worden ist. Im Vergleich dazu ist es ein ausgesprochen euphorisierendes Gefühl, wenn man aus einem Rohmaterial mit der Kraft der eigenen Hände etwas „schaffen“ kann. Und selbst wenn das Ergebnis nicht so perfekt ist wie das billige Massenprodukt vom anderen Ende der Welt, ist sein Wert um ein Vielfaches höher. Wer es selbst schon mal ausprobiert hat, kennt diesen Effekt.

Und wer nach einer sternenklaren und entsprechend kalten Nacht im Zelt morgens klamm und durchgefroren aus einem einfachen Zelt kriecht, weiß eine schlichte warme Mahlzeit wie das Habermus mehr zu schätzen als jedes Brunch-Buffet.

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