Gedanken zum Glücksklee

Viel Glück und alles Gute fürs neue Jahr! Zum Jahresbeginn 2021 startet auf Maison Rieck Manufaktur die neue Rubrik „Gedanken zu…“. Darin gibt es keine Rezepte zum Nachkochen und keine Anleitungen für kreative Ideen, sondern Anregungen zum Nachdenken, Impulse für Achtsamkeit im Alltag und Ansätze für mehr Nachhaltigkeit.

Um den Jahreswechsel sind sie überall zu finden: kleine Blumentöpfe mit Glücksklee. Aber was hat es mit dem Glücksklee eigentlich auf sich? Wofür steht das Symbol des vierblättrigen Kleeblatts und woher kommen so viele davon auf einmal?

Die bei uns vorkommenden Klee-Arten wie vor allem Weißklee (Trifolium repens) und Rotklee (Trifolium pratense) haben normalerweise drei Blätter, dieser Tatsache verdanken diese heimischen Pflanzen aus der Familie der Hülsenfrüchtler auch ihren botanischen Namen. Hin und wieder kann eine Klee-Pflanze aber auch vier- oder mehrblättrig sein. Da diese Mutation nur sehr selten auftritt, ist sie etwas ganz Besonderes.

Die Form des vierblättrigen Kleeblatts hat außerdem eine weit in die Geschichte zurück reichende Symbolik. Es steht im Christentum für das Kreuz und die vier Evangelien, aber auch ganz allgemein für die Kardinalspunkte der vier Himmelsrichtungen oder des Jahreskreises. Bereits bei den Kelten war es als Glückssymbol und Zauberpflanze verbreitet und vor allem auf Reisen sollte ein vierblättriges Kleeblatt, vor den Gefahren schützen, die auf dem Weg lauerten. Noch bis heute wird ein gepresstes Kleeblatt, am Körper getragen oder in Bücher gelegt, als Glückbringer verwendet. Auch Schmuck in der Form des vierblättrigen Kleeblatts soll den Träger zu innerlichem und äußerlichem Glück verhelfen.

Ob drei- oder vierblättrig – der Klee war (und ist) ein guter Gründünger, weil er Stickstoff bindet und nachfolgende Kulturpflanzen besser gedeihen lässt. Und eine gute Ernte war allemal ein großes Glück. Klee ist ein wichtiges Viehfutter und auch als Heilpflanze ist er nicht uninteressant, vor allem der Rotklee wurde volksmedizinisch bei Husten, Durchfall und Hautkrankheiten verwendet. Seine Phyto-Östrogene spielen auch in der heutigen Medizin eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Wechseljahresbeschwerden und hormonabhängigen Erkrankungen. Und nicht zuletzt ist Klee eine hervorragende Bienenweide.

Weil es vor allem Glück braucht, etwas so seltenes wie ein vierblättriges Kleeblatt zu finden, gilt vor allem das des Weißklees als Glücksbringer. Gezüchteter vierblättriger Klee soll dagegen Unglück bringen.

Der als Glücksklee bezeichnete Klee, der zu Silvester in jedem Gartencenter und Supermarkt verkauft wird, ist mit den oben genannten Weiß- oder Rotklee nicht verwandt. Botanisch heißt er Oxalis tetraphylla und er gehört zur Familie der Sauerkleegewächse. Die augenscheinlichen vier Blätter des Glücksklees sind eigentlich nur ein Blatt, das vierteilig gefingert ist. Der Glücksklee ist also – auch wenn die Bezeichnung es vermuten lässt – weder Klee noch vierblättrig. Dass es sich um zwei vollkommen unterschiedliche Pflanzenarten handelt kann man gut erkennen, wenn man nicht auf die Blätter, sondern zum Beispiel auf die Blüten schaut:

Der sogenannte Glücksklee stammt aus Mexiko und kommt praktisch auch nur dort wild vor. Er wurde zum ersten Mal im Jahr 1794 von dem spanischen Botaniker Antonio José Cavanilles beschrieben. Auch der deutsche Naturforscher Ferdinand Deppe entdeckte die dem heimischen Klee ähnlich sehende Pflanze um 1825 bei einer Mexiko-Expedition und brachte sie mit nach Europa. In England wurde die exotische Pflanze sehr schnell zu einer beliebten Zierpflanze, heute wird sie vor allem um die Jahreswende in vielen Regionen der Welt in großen Mengen gezogen, um sie als Glückssymbol auf den Markt zu bringen.

Welchen Wert aber hat ein Glücksbringer, der im großen Maßstab quasi industriell produziert, im Vorbeigehen für wenig Geld „mitgenommen“ wird und der überhaupt nicht in unserer Kultur beheimatet ist? Und während sich der massenhaft produzierte, exotische Glücksklee großer Beliebtheit und wirtschaftlicher Bedeutung erfreut, wird der heimische Klee abseits der Landwirtschaft meist nur als lästiges Unkraut betrachtet, das man aus Garten und Wiesen durch geeignete chemische Behandlung verbannt.

Für die Symbolik des Glücks würde auch ein Bild, eine Zeichnung, ein Foto, ein Schmuckstück ausreichen – es muss keine Pflanze sein, die etwas vortäuscht, was sie gar nicht ist. Und die vor allem mit dem Ursprung des Glücks – nämlich dem Zufall, etwas Besonderes und dadurch Wertvolles zu finden – nichts mehr zu tun hat. Denn nicht die große Anzahl der (vermeintlich) vierblättrigen Blätter mehrt das Glück, sondern das Gegenteil: die Seltenheit.

Ich glaube es würde uns in verschiedener Hinsicht mehr Glück bringen, auf den gedankenlosen Konsum exotischer Pflanzen zu verzichten – die in Gewächshäusern unter künstlichem Licht wachsen, in Plastiktöpfe gesteckt und mit noch mehr Plastik bestückt zum Wegwerf-Produkt degradiert werden – und uns stattdessen sehr viel achtsamer mit unserer eigenen Flora zu beschäftigen. Wir können daraus Glück in Form von Glücksmomenten gewinnen, wenn wir unsere Augen öffnen für die kleinen Wunder vor unserer Haustür und unter unseren Füßen – eine wundervolle Blüte, ein buntes Blatt, ein filigranes Spinnennetz mit Tautropfen, ein bunter Schmetterling, ein zierliches Gras mit Eiskristallen oder die Silhouette eines starken Baumes. Und indem wir die Natur um uns herum bewusster wahrnehmen, fühlen wir uns mit ihr auch stärker verbunden, was uns wiederum physisch und psychisch stärkt und gesünder macht. Und das ist eine gute Basis für ein glückliches Leben.

Nichtsdestotrotz ist der Glücksklee eine schöne Zierpflanze und besticht nicht nur durch ihre Blattform, sondern auch durch die schönen Blüten. Sollte man eine Pflanze sein eigen nennen, kann sie bei guter Pflege viele Jahre Freude bereiten. Der Glücksklee braucht wenig Wasser und Wärme, aber relativ viel Licht. Als Zwiebelgewächs überwintert er auch im Freien und fühlt sich im Blumentopf sehr wohl.